Frag doch mal den Wagemann

Frag doch mal den Wagemann:

NBW Wirtschaftsmagazin Heft 13/2013

Um das Uhrenwerk Glashütte Original vor der Abwicklung zu retten, musste der Berliner Steuerberater Eberhard Wagemann seinen Steuerberatertitel abgeben und ein hohes wirtschaftliches Risiko eingehen. Heute berät und coacht er Unternehmer in strategischen Fragen. Ein Porträt.

Der Zeitpunkt seiner mündlichen Steuerbevollmächtigtenprüfung war für 15.00 Uhr angesetzt. Am Tag zuvor hatte er bereits den Mietvertrag seines künftigen Büros unterschrieben, Büromöbel, Briefpapier und Stempel geordert. Als er den Prüfungsraum verließ, rief er als Erstes bei seinem Spediteur an, dass er die Möbel bringen kann. „Ich habe einfach an mich geglaubt“, sagt Eberhard Wagemann. „Ich wollte mich am nächsten Tag selbständig machen.“ Zu diesem Zeitpunkt war Wagemann nicht nur erst 23 Jahre alt und soeben jüngster Steuerbevollmächtigter Deutschlands geworden, es war auch ein erster Vorgeschmack darauf, was ein Steuerberater alles erreichen kann, wenn er nur fest genug an sich glaubt und über das nötige Fachwissen verfügt.

Dabei hat Wagemann nie studiert. „Ich bin ein Mann der Praxis“, sagt er von sich. Nach Realschulabschluss und vier Jahren im Beruf bestand er 1976 mit gutem Erfolg die Steuerbevollmächtigtenprüfung, arbeitete ein Vierteljahr frei für andere Steuerberater und begann dann mit seiner ersten Mitarbeiterin, die auch heute noch in seiner Sozietät arbeitet, seine Berliner Kanzlei aufzubauen. Es ging erfolgreich voran. Nach fünf Jahren beschäftigte er sieben Mitarbeiter, heute sind es 55 Mitarbeiter.Bis 1989 hatte Wagemann auch die Prüfung zum Rechtsbeistand bestanden, den Übergang zum Steuerberater gemeistert und den Titel vereidigter Buchprüfer erworben – in dieser Reihenfolge. Er hatte aber auch sein Gespür und seine Begabung für wirtschaftliche Beratung entdeckt. Seine wirtschaftlichen Tipps kamen gut an, Mandanten riefen nach einem halben oder ganzen Jahr zurück, um sich zu bedanken. „Da habe ich gemerkt, dass ich dafür ein Händchen habe“, sagt der frühere Steuerberater, der immer häufiger um wirtschaftlichen Rat ersucht wurde, selbst von Banken. „Das entwickelte sich dahin“, so Wagemann, „dass bei mir viele Leute anriefen, die nicht mehr weiterwussten und die Empfehlung erhalten hatten: Frag mal den Wagemann, der kann dir bestimmt noch helfen!

Nach dem Fall der Mauer bekam die wirtschaftliche Dimension eine noch größere Bedeutung. Verschiedene Unternehmen meldeten Restitutionsansprüche an und der Steuerberater konnte einigen helfen. Dadurch bekam er Kontakt mit der Treuhandanstalt, die ihn ebenfalls um Hilfe bat. „Da habe ich ja gesagt“, erzählt Wagemann. Zwei Monate später klingelte das Telefon: „Können Sie helfen?“ Drei- bis vierhundert Leute standen vor der Betriebstür eines Unternehmens im Berliner Raum und ließen den Geschäftsführer nicht hinein. Wagemann half: Er übernahm als Interim- Manager. Einige Betriebsteile musste er liquidieren, andere konnte er sanieren. Dabei halfen ihm vor allem seine Kenntnisse und Erfahrungen als Steuerberater und Rechtsbeistand. „Ich habe das relativ schnell und friedlich geschafft“, sagt Wagemann. „Das war besonders für die Gewerkschaften wichtig, dass es kein Harakiri gab. Zugleich lernte ich aus diesem Fall, dass ich mit Stress und großem Druck gut umgehen konnte.“Weitere Einsätze in anderen Unternehmen folgten.

Der Steuerberater konnte gut nach allen Seiten vermitteln, trotz der vielen notwendigen und schwierigen Entscheidungen, die zu treffen waren. Wagemanns Erfolge – zuletzt bei der Sanierung des Berliner Fernsehturms am Alexanderplatz – sprachen sich bis in die Berliner Zentrale der Treuhandanstalt herum. Ein Manager veranlasste sein Erscheinen in einer Direktorensitzung. „Ich sollte dort erzählen, wie ich das so mache, wie ich bei den Sanierungen vorgehe“, erinnert sich der frühere Steuerberater. „Nach einer halben Stunde wurde ich im Vortrag unterbrochen und direkt gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das sächsische Uhrenwerk Glashütte Original im Erzgebirge zu übernehmen. Allerdings gebe es eine Klippe: Das Vorstandsmitglied eines großen DAX®– Unternehmens sei auch angefragt worden. Einer von uns solle es tun.“

Das war jedoch keineswegs die einzige Klippe, denn der eigentliche Sanierungsfall schien aussichtslos. Mehr als 3000 Mitarbeiter beschäftigte das Uhrenwerk Glashütte im Müglitztal zu DDR-Zeiten, mehr als eine Million Uhren wurden dort jährlich produziert. Doch bereits drei Jahre nach der Wende geriet es zum Sanierungsfall. Trotz großer Entlassungswellen machte das Unternehmen weiter Millionenverluste, denn der einheimische Markt für Billiguhren existierte nicht länger und mit der asiatischen Billiglohn-Konkurrenz konnte das Werk nicht mithalten. Die Stimmung in der Belegschaft tendierte gegen null.

Doch Wagemann galt nicht umsonst als der Mann für schwierige Fälle. Der Steuerberater traf sich zunächst mit dem Industriemanager, der sich jedoch freiwillig zurückzog. „Er hatte eine erfolgreiche Vita und sicher mehr zu verlieren als ich“, sagt Wagemann und lächelt. „Vielleicht bekam er auch Angst vor meiner Dynamik.“ Sodann gab der Steuerberater seine Bestellung zurück, denn ein Steuerberater durfte nicht Steuerberater und zugleich Geschäftsführer eines Unternehmens sein. Bei der Wirtschaftsprüferkammer hingegen, die allen vereidigten Buchprüfern berufsrechtlich vorsteht, konnte er eine zeitlich begrenzte Ausnahme erwirken, indem er eine Notgeschäftsführerschaft beantragte.

Ab diesem Moment lief die Zeit: Die Treuhandanstalt gab ihm elf Monate Frist für das sächsische Uhrenwerk Glashütte Original und keinerlei finanzielle Unterstützung. Wenn er bis dahin die Sanierung nicht geschafft hätte, wäre das Werk abgewickelt worden. „Na ja“, sagt Wagemann, „da habe ich losgelegt – obwohl es eigentlich ein wirtschaftliches Himmelfahrtskommando war.“ Der neue Geschäftsführer schonte sich nicht. Er straffte das Programm, verbesserte die Qualität, erweckte den Luxus-Mythos Glashütte neu zum Leben, verflachte Hierarchien, machte aus Uhrmachern erfolgreiche Verkäufer und den Überlebenskampf von Glashütte zum bundesweiten Medienthema. „Ich hatte keinerlei Budget für Werbung und Marketing, aber vor meinem geistigen Auge eine klare Vision: Ich wollte die teuerste mechanische Uhr der Welt bauen“, so Wagemann.

Und siehe da, aus einem Scherbenhaufen erhob sich leuchtend und medial umjubelt das „Wunder von Glashütte“. Nach Monaten harter Arbeit meldeten sich erste Investoren, während gleichzeitig die Privatisierung voranschritt. Auch Swatch®– Vermarkter Nicolas Hayek zeigte anfangs Interesse an Glashütte, lehnte jedoch letztlich eine Übernahme ab, da ihm eine Sanierung zu schwierig und zu teuer erschien. Einige Jahre später kaufte er das letzte deutsche mechanische Uhrenwerk dann doch. Der Wert des Werkes, weiß Wagemann, wird inzwischen auf über eine Milliarde Euro taxiert. Seine Erfahrungen mit der Sanierung des Uhrenwerkes hat der frühere Steuerberater auch in dem Standardwerk „Interim-Management: den Unternehmenswandel erfolgreich gestalten – mit Managern auf Zeit“ zusammengefasst.Glashütte war ein großer Bruch im Leben des Steuerberaters. Denn mit dem fast märchenhaften Erfolg kamen die Aufträge für andere Unternehmen.

Da er ohnehin nicht zugleich Steuerberater sein durfte, wuchs er so mehr und mehr in seinen neuen Beruf hinein – als gefragter Interim-Manager, der wenig später unter anderem auch den Filmverleih Progress sanierte, das große Erbe der DEFA mit ihren rund 14.000 Filmen. Dabei entdeckte er interessante Zusammenhänge: „Ich habe gemerkt“, sagt Wagemann, „dass bei vielen Unternehmen, die in Schieflage geraten waren, zwei Dinge nicht richtig funktionierten: Sie krankten an einer verlorenen Ausrichtung auf die eigentliche Kernkompetenz und einem nicht aussagefähigen Rechnungswesen.“ Dank seines Wissens als Steuerberater und Buchprüfer sowie seines Coaching-Talents konnte er dies jedoch meist wieder richten.

Seine Kanzlei führte unterdessen ein Partner als Steuerberater weiter.

Wagemann ist heute immer noch einer von vier Gesellschaftern von Wagemann + Partner. Seine restlichen Anteile wird der heute 60-Jährige bis Ende des Jahres allerdings auf seine acht bis 15 Jahre jüngeren Partner übertragen.

Auf die Initiative Wagemanns und seines Partners Thorsten Stielow geht übrigens auch die Gründung des Netzwerks INTEGRA INTERNATIONAL zurück: „Ich hatte 1994 einen Traum, ich wollte mit Wagemann + Partner weltweit tätig werden“, erinnert sich der frühere Steuerberater. So entstand aus einst vier Gründungskanzleien ein internationales Netzwerk, dem heute – fast 20 Jahre später – 127 Mitglieder in 73 Ländern und 199 Städten angehören. Insgesamt beschäftigen die unabhängigen Partnerkanzleien der Gruppe circa 3500 Mitarbeiter und erzielen ein Honorarvolumen von rund 310 Millionen US-Dollar.Doch zurück zu Wagemann, der 2003, nach zehn Jahren als Sanierer, spürte, dass er in diesem Bereich nicht mehr mit dem gleichen Elan weiterarbeiten konnte: „Sanierung ist ein 24-Stunden-Job, wenn man das so macht wie ich“, sagt Wagemann. „Das kann man nicht 20 Jahre lang machen.“ Diese Notwendigkeit führte ihn zurück zur Beratung. „Ich habe das auch schon früher hin und wieder gemacht“, sagt der frühere Steuerberater, „als vereidigter Buchprüfer andere als Mentor auf die Prüfung vorbereitet oder andere Unternehmen und Kanzleien wirtschaftlich beraten.“ Doch nun wurden Beratungen, Workshops und Business-Coachings zum Hauptbestandteil seiner Tätigkeit. Mit zwei Schwerpunkten: Strategie-, Marken- und Unternehmensentwicklung und wie Spitzenleistungen für „Kopfarbeiter“ möglich sind – ohne mentalen und körperlichen Raubbau.

„Wo die Kernkompetenzen, wo die Kraft eines Unternehmens liegt, kann ich gut erkennen“, sagt Wagemann und es klingt mit keinem Wort übertrieben. Doch auch den verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen körperlichen und mentalen Reserven beherrscht Wagemann unterdessen aus eigener Erfahrung. Und das kam so: „Ich habe Ende der neunziger Jahre gemerkt, dass mir noch etwas fehlt, dass ich durch die viele Arbeit den Kontakt zu mir selbst verloren hatte“, so Wagemann. Entschlossen, diese Situation zu ändern, engagierte der frühere Steuerberater gute Lehrer und begann mit einer Yogalehrer-Ausbildung. Einige Jahre später absolvierte er bereits seine dritte, sehr intensive Yogalehrer-Ausbildung im Himalaya, für die er sich ein Jahr intensiv vorbereiten musste.

Durch das intensive Yogatraining, durch die damit verbundene Ernährung, durch Atem- und Meditationsübungen erreichte Wagemann eine erstaunliche Körperbeherrschung und geistige Klarheit, die der Praktiker unbedingt ausprobieren musste. Einige Beispiele: Er lief Marathon, nicht einen, sondern über 100. Er beendete 15 IRONMANs (3,8 km Schwimmen, 180 km

 

Radfahren und gut 42 km Laufen), davon drei innerhalb von sieben Tagen. Er durchquerte die südmarokkanische Sahara bei Temperaturen zwischen zehn und 50 Grad auf einer Länge von 240 Kilometern zu Fuß. Er nahm am 320 Kilometer langen Annapurna Mandala Trail Run teil – dem höchsten Abenteuerlauf der Welt, der stellenweise eine Höhe von 5416 Metern erreicht. Und er beendete schließlich 2009 eines der härtesten Radrennen der Welt, das „Race Across America“, mit seinen 5000 Kilometern nonstop von Küste zu Küste erfolgreich im Viererteam.

„Ich laufe nicht für den Sieg, ich laufe für mich“, sagt Wagemann. „Ich versuche anzukommen. Ich habe durch das Yoga gelernt, immer im grünen Bereich zu bleiben und nur auf meinen Körper zu hören. Zwei Stunden nach einem IRONMAN haben Leute schon gedacht, ich komme aus dem Urlaub.“ Durch die Extremerfahrungen hat er nicht nur seine körperlichen Grenzen besser kennengelernt, sondern vor allem auch seine mentalen. „Von der mentalen Kraft hängt alles ab“, sagt Wagemann. „Ich kann mich inzwischen hervorragend auf das Wesentliche konzentrieren. Und besser als in realen Extremsituationen kann man das nicht trainieren. Das macht den Alltag sehr leicht, trotz aller Anforderungen. Ein herrliches Lebensgefühl.“

„Viele Manager und Unternehmer sind chronisch übermüdet“, zitiert Wagemann eine jüngst im Handelsblatt veröffentlichte Studie. „Sie können sich dann nicht mehr richtig konzentrieren und machen Fehler.“ Mit seiner Beratung und dem von ihm entwickelten Trainingsprogramm möchte der frühere Steuerberater dies verhindern helfen. Das wirtschaftliche Leben sei zu komplex geworden. Den wachsenden Druck unserer 24-Stunden-Hochleistungsgesellschaft (technischer Fortschritt, sozialer Wandel, Lebenstempo) könne nur aushalten, wer sich darin geübt habe. Wer keinen Zugang zu sich selbst habe, wer nicht mit seinen Kraftreserven haushalten könne, erreiche nur schwer seine strategischen Ziele und großen Visionen.

Wagemann beispielsweise wechselt – statt in Stress zu geraten – sofort in einen Entspannungszustand, sobald eine Drucksituation entsteht: „Wenn mich bei einer Sanierung jemand hektisch anruft und sagt: Wir haben ein Problem, können Sie kommen?, nehme ich sofort eine Entspannungshaltung ein, atme tief durch und beruhige mit den Worten: Machen Sie sich bitte keine Sorgen mehr, das kriegen wir schon hin!

Gerade ist Wagemann mit seiner Lebensgefährtin von einer fast neunmonatigen Selbsterfahrungsreise zu verschiedenen Kraftorten in der Welt zurückgekehrt. Die tiefen Erkenntnisse daraus fließen in die nun wieder beginnenden Business-Coachings, Beratungen, Vorträge und Workshops des früheren Steuerberaters mit seinen Spezialgebieten Turn-around-Management sowie Strategie- und Unternehmensentwicklung ein, die Unternehmer, Manager und Führungskräfte aller Branchen besuchen. Darunter befinden sich mitunter auch Steuerberater. „Das freut mich immer besonders“, sagt Wagemann, „wenn frühere Kollegen offen für neue Erfahrungen und neue Impulse sind. Eine Steuerkanzlei ist schließlich auch ein Unternehmen.“

 

Kontakt

Eberhard Wagemann e.wagemann@wagemann.net