Lösung für einen hoffnungslosen Fall

Lösung für einen hoffnungslosen Fall:

Filmwoche/Filmecho | 10/1996 Filmwirtschaft | Autor: Th. Til Radevagen

Lösung für den „hoffnungslosen Fall“

Die Privatisierung von Progress und die damit geregelte Verwertung des DEFA-Filmstocks gehen voran. Filmstiftung kommt.

Nomen est omen: Eberhard Wage­mann, der vom Bundesamt für ver­einigungsbedingte Sonderaufgaben (Nachfolgerin der Treuhand-Ge­sellschaft) eingesetzte Progress­ Geschäftsführer, wagt viel, doch er ist optimistisch: In zwei bis drei Monaten, so glaubt er, ist der schwierige Privatisierung-Prozeß des ehemaligen DDR-Monopol Filmverleihs unter Dach und Fach. Damit hätte der schon als Wunder­knabe und Spezialist für ,,hoff­nungslose Fälle“ sein zweites Mei­sterstück geliefert. Zuvor hatte der jugendlich wirkende Wirtschaftsprüfer, Steuersachverständige und Rechtsbeistand schon den Berliner Fernsehturm privatisiert und die Glashütter Uhrenwerke vor dem endgültigen Aus gerettet. Vor deren Sanierung war sogar der Retter der Schweizer Uhrenindu­strie, „Swatch“-Erfinder Hayek, zurückgeschreckt.

Ein Blick zurück: 1990/91 wollte augenscheinlich kein Mensch mehr nur einen Pfifferling für die Filme aus 45 Jahren DEFA-Produktion geben. Die Wende-DEFA selbst versuchte Rechte zu verschleudern, um an Sanierungsmittel zu kom­men: wenige Stimmen warnten vor dem Ausverkauf.

Ein Deal mit dem vorausblicken den Westberliner Produzenten Manfred Durniok über die Rechte an 250 DEFA-Filmen konnte zum Gutteil wieder rückgängig gemacht werden. Es hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß dieser Filmstock doch etwas Einmaliges dar­stellte: die vollständige, geschlos­sene Bibliothek eines ,,nationalen“ (oder wenigstens teilnationalen) Filmschaffens, bestehend aus: rund 750 Spiel- und Kinde1filmen; etwa 750 Animationsfilme; circa 2.250 Dokumentar- und Kurzfilme; über 2.000 Wochenschauen „Der Au­genzeuge“ und andere Periodika; sowie über 3.000 Synchronfassun­gen ausländischer Filme. Werke, die zwischen 1946 und dem 30. Juni 1990 entstanden und deren Aus­weitung der Progress exklusiv und meist unbefristet oblag.

In zähen Verhandlungen mit der Treuhand war schließlich Einigkeit darüber erreicht worden, daß dieses Erbe nicht verramscht, sondern in Zeiten, wo Filmbibliotheken jähr­lich im Wert steigen, wo mit Lizenzrechten an Filmpaketen Milli­arden erlöst werden können, zu­sammenhalten werden müßte. Zwar sollte die Verwertung privati­siert werden, doch würden die Erlöse in den Aufbau einer Filmstif­tung fließen. Diese wurde noch von der letzten DDR-Volkskam­mer beschlossen – damit dieses kulturelle, zeit- und filmgeschichtliche Erbe erhalten und gepflegt werde. Doch verzögerte sich die Einrich­tung der Stiftung durch Verfah­rensfehler und Altlasten.

Im Frühjahr 1995 übernahm Sanie­rer Wagemann die Geschäfts­führung von Progress. Er begann, den Verleih in der Burgstraße 27 aufzupäppeln, aus selbsterwirtschafteten Mitteln. Ein Ausschnitt­dienst liefert weltweit Klammerma­terial, das Gilde-Filmkunst-Mit­glied Kino Börse im Haus pflegt den eigenen Filmstock durch mar­kante Reihen und Diskussionsan­gebote. Progress als Verleih schreibt wieder schwarze Zahlen und ist mittlerweile deutlicher wahrnehmbar. Der Empfang am EFM-Stand während der Berlinale  war ein Branchenereignis.

Ein ganze Reihe von Bewerbern

Wer sich alles um den Filmstock bewarb, darüber lassen BvS und Geschäftsführung nichts verlauten. Doch mittlerweile ist branchen­kundig, daß ein halbes Dutzend Bewerber übergeblieben sind, die als seriös gelten: die öffentlich-rechtlichen Sender, MDR mit der Tochter drefa (einst DEFA-Trickfilm Studio in Dresden) und ORB Potsdam, das ZDF; sowie die UFA-Bertels­mann und die Kirch Gruppe und die ebenfalls kommerziellen TV­ Sendern nahestehend geltenden Firmen Cine Aktuell und Tellux, München. Unter ihnen wird wohl der Zuschlag fallen.

Zur Absicherung müssen vom Pri­vatisierer ausführliche Firmenpor­träts, Unternehmenskonzepte so­wie Bürgschaften über 15 Jahre vorgelegt werden. Der Nutzer übernimmt über die Privatisierungs-, Miet- und Filmrechtever­wertungsverträge die Immobilie Burgstraße 27, in dem Progress, das Kino Börse und die Filmstiftung ihren Sitz be- bzw. erhalten. Ma­teriell bleibt der Filmstock im Besitz der BVS; sie übergibt ihn formell der Filmstiftung. Deren Vermögen besteht aus den Lizenzeinnahmen der Rechteverwertung, den Zweit­-und Nachverwertungsrechten so­wie den Mieteinnahmen des Hauses in der Burgstraße. Ein Stiftungsrat, in dem die Bundesministerien des Inneren, für Wirtschaft, für Finanzen, die Kultusministerien der Länder Berlin, Brandenburg und Sachsen die Murnau Stiftung und das Bundes­archiv sowie zwei Vertreter der ehemaligen DEFA-Künstler ver­treten sind, wird darüber wachen, daß die Verträge auch eingehalten und in der Stiftung aus den jährli­chen Einnahmen zufließenden Gel­der satzungsgemäß verwendet wer­den.

Festakt zum krönenden Abschluss

Am 17. Mai 1996 werden sich rund 2.000 Gäste im dok-Filmstudio in Babelsberg zu einem Festakt ver­sammeln, genau an dem Platz und an dem Tag, an dem 50 Jahre zuvor die DEFA gegründet worden war. Eberhard Wagemann würde sicher gerne vor vielen ,,Ehemaligen“ den glücklichen Abschluss der Pro­gress-Privatisierung bekanntgeben. Wenn nicht im dok-Filmstudio (dessen Geschäftsführer er eben­falls ist und welche Pläne er dafür hat, wieder eine andere Geschichte ist), dann vielleicht während der Verleihung der Bundesfilmpreise knapp zwei Wochen später – Wo dann eine unendlich scheinende Geschichte endlich ein gutes Ende fände .