Westmanager und Ostfachmann retten defa-Erbe

Westmanager und Ostfachmann retten defa-Erbe:

Tagesspiegel |06.02.1999

Westmanager und Ostfachmann retten DEFA-Erbe

Wenn Eberhard Wagemann gerufen wird, dann ist eigentlich schon alles zu spät – die Firma halb tot, die Mitarbeiter desillusioniert, der Standort zerstört und das Produkt so begehrt wie Sonnenschirme im Winter. Wagemann ist Sanierer – früher bei der Treuhand jetzt bei deren Nachfolgerin, der BVS. Wagemann ist 46 und wirkt auf den ersten Blick nicht gerade wie die letzte Hoffnung der BVS. Er duzt, er siezt, die Gedanken eilen seinen Sätzen voraus, und er findet vieles „irre“ und manches „geil“. Bei der Treuhand hat er mit seinen lockeren Umgangsformen zu Beginn wahrscheinlich kleine Panikanfälle ausgelöst. Aber er ist ungeheuer erfolgreich. Wagemann hat den Berliner Fernsehturm privatisiert und die Uhrenfabrik Glashütte in Sachsen gerettet.

Von Filmen hatte er keine Ahnung.

Genau zwei DEFA-Filme kannte er, davon ein Filmmärchen. „Das hat mich voll angeturnt“, sagt Wagemann. Nach dem „Himmelfahrtskommando“ Glashütte übernahm er 1995 die Privatisierung des DDR-Filmverleihs Progress. Vielleicht war seine Unkenntnis ein Vorteil. Jeder andere hätte bei dem Chaos um Rechte, Materialien und Kompetenzen wahrscheinlich abgelehnt.

In der DDR war Progress für die Verwendung der DEFA-Filme im Inland zuständig. Nach der Wende wusste erst mal niemand, was mit den 100 000 Rollen Film geschehen sollte, die verstreut in den Studios lagerten. Die Frage war, was wird aus dem Filmerbe von vierzig Jahren DDR. 1990 gab es dazu schon eine Idee, die Idee der DEFA-Stiftung. Sie sollte die Rechte an den Filmen bekommen. Die letzte Regierung der DDR beschloss noch ihre Gründung, und dann verschwand sie in der Versenkung.

Es hatte sich herausgestellt, dass es eine solche Form der Stiftung in Berlin gar nicht gab. Das zweite Problem war der Filmverleih Progress, der die Filme lizensieren, verwerten und die Einnahmen an die Stiftung abführen sollte. Jahrelang erwies es sich als unmöglich, Progress zu verkaufen, obwohl es Interessenten gab.

Allerdings fehlten Listen der Filme und Information darüber, welche Lizenzen an wen für wie lange verkauft worden waren. Die BVS war verwirrt und engagierte Wagemann. Inmitten des Durcheinanders saß Rudolf Winter. Seit 1965 war er bei Progress und hatte in all den Jahren als stellvertretender Direktor gearbeitet. Niemand kannte sich so gut aus wie er. Winter hatte zwei Arbeitsstellen in seinem Leben – die erste im DEFA-Synchronstudio als Produktionsleiter und die zweite bei Progress. Er kennt fast jeden Film und jeden Macher. Winter ist 69 Jahre alt und überlegt sich immer sehr genau, was er sagt. Er begeistert sich grundsächlich nur für Sachen, über die er Bescheid weiß, und hasst alles, was mit Öffentlichkeit zu tun hat. Er ist, mit anderen Worten, das Gegenteil von Wagemann.

Als Wagemann zu Progress kam, war Winter stellvertretender Geschäftsführer. Die erste Begegnung war wenig vielversprechend. Wagemann erinnert sich. Winter habe die Augen beim Gespräch geschlossen gehabt. „Ich dachte, er schläft.“ Winter erzählt vom ersten großen Streit. Es war in einem Filmlager in der Nähe von Potsdam. Winter hatte sich jahrelang darum gekümmert, dass dort alle Materialien aus den Filmstudios zusammengeführt wurden. Wagemann hatte andere Ideen, und Winter wurde laut. Winter signalisierte der BVS, dass er mit diesem Menschen nicht zusammenarbeite könne. Das aber stimmte nicht. Wagemann war der erste Westler, der bei Progress anfing. Ohne Winters Hilfe wäre er untergegangen. In den folgenden Monaten hat Wagemann Winter viel gefragt. Und Winter hat ihm scheibchenweise geantwortet. Nach den ersten fünf Wochen hat Wagemann Winter gebeten, „sein Herz zu öffnen“. Es sei die letzte Chance.

Winter willigte ein. Auf der ersten Mitarbeiterversammlung hat Wagemann, der Film-Laie, für die Film-Profis eine Rede gehalten. „Leute!“, hat er gesagt. „Überlegt doch mal, was wir hier für `ne dolle Firma haben. Wir sind Botschafter eines untergegangenen Landes.“ Wir! Danach war Stille. Irgendwie setzte sich die Erkenntnis durch: Wagemann hat recht. Über Nacht war er zum zweitgrößten Filmhandler in Europa geworden. Nach Leo Kirch. Er hielt 40 Jahre DDR-Film in seinen Händen: 11 000 Filme. Dazu gehörten Spiel-, Kurz-, Dokumentar- und Kinderfilme, die Wochenschauen und 4000 deutsche Synchronfassungen osteuropäischer Filme. Wagemann war zu dieser Zeit einer der wenigen, der den Wert erkannte. DEFA-Filme waren als langweilige, üble Propagandawerke verschrien. Aber Wagemann war von seiner Aufgabe, „nationales Kulturgut zu retten“, so berauscht, dass er andere damit ansteckte. Plötzlich war das Thema DEFA-Film sogar wieder in den Medien.

Selbst Winter ließ sich von Wagemanns Enthusiasmus beeindrucken: Der Windmacher aus dem Westen arbeitete ja wirklich – und das manchmal bis in die Nacht. Wagemann saß im zweiten Stock des Progress-Filmverleihs in Berlin-Mitte und dirigierte die Zahlen. Winter residierte unterm Dach und telefonierte mit alten Bekannten aus der Filmbranche. Verhandlungen führten sie von nun an zu zweit – der Westmanager und der Ost-Filmspezialist.

Wagemann sah aus wie ein großer Junge im Anzug, Winters Mode stammte noch aus den 70ern. Und während ihre Verhandlungspartner noch versuchten, sich einen Reim auf das merkwürdige Paar zu machen, fing Wagemann an zu sprudeln von Herausforderungen, Gewinnen und dergleichen. Winter schloss derweil die Augen. Wenn Wagemann nicht mehr weiter wusste, fragte er: „Rudi, gibt es dazu noch etwas zu sagen?“ Das war das Zeichen für Winters Einsatz. Er begann zu erzählen, über die Filme und die Stars und die alten Zeiten. Stundenlang. Wagemann konnte sich in der Zeit wieder sammeln. „Wir sind ein Dreamteam“, sagte er. Nach der Arbeit erzählten sich Wagemann und Winter ihre Geschichte. Wagemann beschrieb seine Kindheit in Westberlin, in der er nur mit Schummeln die Realschule geschafft hatte, und später mit 23 trotzdem Deutschlands jüngster Steuerberater wurde. Danach kamen die Hippie- und Aussteigerjahre, dann das eigene Steuerbüro. Winter lebte in den biographischen Grenzen der DDR: Er stammt aus Böhmen. Seine Familie wurde nach dem Krieg nach Mecklenburg umgesiedelt.

Er machte Abitur, ging zur DEFA nach Babelsberg und in die Partei, in die Partei. Sie sind sich nahegekommen und halten dennoch Distanz: Privat haben sie sich noch nie gegenseitig besucht. 1997 hatten Wagemann und Winter es geschafft. Fast. Progress wurde an die Tellux-Gruppe und die drefa, eine 100prozentige Tochter des Mitteldeutschen Rundfunks, verkauft. Die Käufer verpflichteten sich, einen bestimmten Prozentsatz an eine noch zu gründende DEFA-Stiftung abzuführen, deren Ziel die Förderung des ostdeutschen Films sein sollte. Die Stiftung würde außerdem die Rechte an allen Filmen sowie das Progress-Haus in Mitte besitzen. Als am 15.12.1998 die Stiftung gegründet wurde, kam das einem Wunder nahe. Gestern, am Freitag, reiste zur offiziellen Gründung der Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, an. Wer hätte das gedacht? Nicht mal Wagemann.

Der hat inzwischen seine Bürowände mit DEFA-Postern tapeziert. Daneben hängt ein Plakat mit der Überschrift „Der lange Abschied“. Darauf lächelt Wagemann und trägt einen Schlips mit Smilies. Es ist ein letztes Dankeschön der alten Progress-Belegschaft. Ganz fertig sind Winter und Wagemann noch nicht. Die Filmrechte werden sie wohl noch bis Ende des Jahres beschäftigen. Danach macht Wagemann einen Yoga-Kurs und Winter darf seine Rechte genießen. Diesen Sommer wollen sie sich nun auch treffen. Ganz privat in Winters Datsche.