Die Unruhe selbst:
Die Nahaufnahme

DIE UNRUHE SELBST: Die Nahaufnahme

manager magazin | Nr. 9 vom 01.09.1994 – Seite 194-196 | Karriere+Wissen * Querköpfe | Autor: Jochen Rieker

DIE UNRUHE SELBST

Als  Tagelöhner der Treuhand kam er übers Erzgebirge, rast- und respektlos, ein  Abwickler  eben. Jetzt  sieht  es so aus, als könne Eberhard Wagemann retten,   was   schon  verloren  schien:  die  mechanische  Uhrenindustrie.

Nahaufnahmen von einem Naturtalent.

Mit  Treuhand-Vorstand Wolf Klinz verhandelt er selten. Er zieht dann immer seinen  dunklen Anzug an, den er nur gekauft hat, „weil der nicht so leicht knittert“.  Auch  eine  Krawatte  bindet er sich um, ein bißchen schräg und lose  meist,  aber  immerhin. Falls nichts dazwischenkommt, rasiert er sich vor  dem  Termin sogar. Eberhard Wagemann, kein Zweifel, wahrt die Etikette– so gut es eben geht. Nur  im  Gespräch  fällt dem Berliner die Anpassung noch schwer, vor allem, wenn  von  seinem  jüngsten Projekt die Rede ist. Wagemann, vor Jahresfrist als  Geschäftsführer  der  Glashütter  Uhrenbetrieb  GmbH (GUB) eingesetzt, pflegt  in  solchen  Momenten ein ungewohnt offenes Wort. „Ey, Du“, sagt er dann  zu  seinem  Vorstand,  „det  wird  echt riesig. Det wird so geil, ey, Doktor Klinz, det glauben Se gar nicht.“

Er mochte es anfangs tatsächlich kaum glauben, der Doktor Klinz. Da saß ihm einer  gegenüber,  die  Augen  weit  aufgerissen,  die  Stimme  gepreßt und atemlos, die Hände ständig in Bewegung. Einer, der von der Zukunft faselte, obwohl  er  doch „keine Ahnung von Uhren hatte“, wie er offen bekannte. Wie ein  erfahrener  Sanierer  sah der nicht gerade aus, eher „wie ein Spinner, ein Chaot“. Der   Spinner,   der   Chaot   ist   bei   der  Treuhandanstalt  inzwischen hochgeschätzt.   „Bekannt   wie   ein  bunter  Hund“  seit  er,  sagt  eine Mitarbeiterin  hingerissen.  Und  das liegt nicht allein an seinen saloppen Umgangsformen.  Eberhard  Wagemann  hat,  woran  außer  ihm  anfangs keiner glauben  mochte:  ein  bißchen Glück, vielleicht. Vor allem aber jede Menge Erfolg.

Ohne  großen  Werbeetat  und  praktisch  ohne  Produktinnovationen  hat der 42jährige  in kürzester Zeit eine Marke neu positioniert. Glashütter Uhren, das  war  bis  vor  einem Jahr noch ein No Name, allenfalls ein Etikett für glanzlose  postsozialistische  Gebrauchsgüter.  Heute  ist  fast ein Mythos daraus  geworden,  Sinnbild  und  Hoffnungsträger eines verloren geglaubten Industriezweigs. Um  die  wundersame Wandlung zu würdigen, hat sich schon der „Spiegel“ nach Sachsen  aufgemacht.  ARD,  ZDF und Sat 1 haben ihre Kamerateams geschickt.

Und die Deutsche Presseagentur, an Kleinbetrieben mit zweiundsiebzigeinhalb Mitarbeitern sonst nur im Katastrophenfall interessiert, hat gleich fünfmal in  Folge  Meldungen über die GUB abgesetzt. Sicherheitshalber hat Wagemann das  von  einem  Ausschnittdienst dokumentieren lassen. „Ick finde det doch auch  absolut  irre“,  sagt  er, ganz außer sich. „Vor einem Jahr waren wir tot. Und jetzt sind wir ’ne echte Erfolgsstory.“ Zwei Kapitel hat diese Geschichte bisher, einen düsteren Einstieg und einen offenen,  vermutlich  glücklichen  Ausgang. Es ist die Geschichte von einer gescheiterten Privatisierung, einem scheinbar aussichtslosen Neuanfang, von simplen  Ideen und großen Hoffnungen. Und weil sie ohne ihn vermutlich ganz anders  verlaufen  wäre,  ist  es  —  mehr  als  alles  andere — auch die Geschichte von Eberhard Wagemann, dem erfolgreichsten Chaoten in den Reihen der Berliner Treuhand.

Wenn   er   sie   selbst  erzählt,  in  seinem  Vorwendezeitbüro,  zwischen Musterkoffern und Aktenbergen, klingt die Geschichte sogar noch ein wenig bunter.  Kunterbunt,  um  genau  zu  sein.  Da kommt das Ende schon vor dem Anfang, das „Du“ vor dem „Sie“. Kreuz und quer geht das, als ob Chronologie ein  Ordnungsprinzip  wäre,  das  nun wirklich nicht zum Thema paßt. Knappe Statements  und sachliche Analysen sind nicht Wagemanns Sache. Er läßt sich von  seinen  Gefühlen  forttragen,  von  seinen  Anekdoten,  wird  mal ganz ausführlich und dann wieder viel zu kurz. Die Zusammenhänge gehen ihm dabei verloren   und   dem  strapazierten  Zuhörer  die  Geduld.  „Maulheld  oder erfahrener  Wirtschaftsmann?“  hat  der  Berliner „Tagesspiegel“ nach einer Begegnung  mit  dem  GUB-Chef  gerätselt,  sichtlich  erschlagen von dessen ungebremster Mitteilsamkeit.

Und ausgerechnet so einen schicken sie nach Glashütte, als letzte Hoffnung, mitten  im  grauen  Herbst,  ins „Tal der Tränen und der Depressionen“, wie Wagemann gern sagt. „Was will denn der hier?“ haben sie sich im Betriebsrat erschreckt  gefragt. Und Frank Reichel, der Bürgermeister des friedlichen 3 500-Seelen-Nests,  dachte  nur,  was  zuvor  schon  Treuhand-Vorstand Klinz vermutet hatte: „Ein Spinner. Der redet ja nur komisches Zeugs.“

Die  Geschichte hätte hier zu Ende sein können. Es war ja schon zuvor alles schiefgelaufen  bei  der  Privatisierung.  Ein  französischer  Uhrenkonzern hatte,  kaum  daß der Kaufvertrag für die GUB unterschrieben war, Glashütte leise  Lebewohl  gesagt  (siehe Kasten rechts). Wer mochte da noch an einen wie  Wagemann  glauben,  der  nicht  wie  ein Manager aussah, nicht wie ein Uhrenliebhaber  redete,  und  der  für  das  stille,  sanfte  Gemüt  der Erzgebirgler so gar kein Gespür zu haben schien? Aber   er  hat  einen  doppelten  Turnaround  hingelegt,  dieser  ruhelose, getriebene,  unorganisierte  Mensch.

Er  hat  das  einst  2200 Mitarbeiter zählende Unternehmen wieder ins Gespräch gebracht, nicht nur in der Presse, auch bei Investoren. Und er hat sich in den Köpfen der anderen gleichzeitig selbst neu positioniert, was vermutlich das größere Wunder gewesen ist. Begonnen  hat  es  damit,  daß  er  zwar  einige  Hoffnungen, aber auch die schlimmsten  Erwartungen  enttäuschte.  „Beim Wagemann“, sagt der Pförtner, „hat  das  Licht  oft bis in die Nacht hinein gebrannt.“ Tüchtig gearbeitet habe  der,  bestätigen  andere.  Sei  durch  die  verwaisten  Fabrikhallen gegangen,  wo damals gerade noch 100 Arbeiter gewerkelt haben. Freitags und samstags  dann  noch  Workshops, über die sie alle gestöhnt haben, in denen aber  doch  langsam  das Vertrauen gewachsen ist, daß „der Neue“ vielleicht ein wenig durchgeknallt sein mag, aber jedenfalls keiner von den Abzockern, kein Großkotz, kein Blender, von denen es ja auch so viele gab.

„Drei   Monate  Innendienst“  verordnete  sich  Wagemann,  „weil  in  einer Sanierung  alles  schnell  gehen  muß“.

In  dieser  Zeit reduzierte er die Belegschaft um fast 30 Prozent, kürzte die Lohngruppen, löste die Ebene der Abteilungsleiter  auf  und  verlängerte  die  Wertschöpfungskette. Es waren harte  Entscheidungen  dabei.  Doch  die  Stimmung  wurde  eher besser als schlechter.

Denn  da  war  plötzlich  ein  Plan  erkennbar.  Im  Gegensatz zu Wagemanns ungezügeltem  Erzählfuß  hatte  das Struktur und Ziel. Und es kam nicht von oben  herab  wie  ein  Befehl, sondern eher wie ein letzter, eindringlicher Appell  von  einem,  der  sich für die Sache völlig verausgaben würde. „Wir haben  das irgendwann verstanden“, sagt ein Mitarbeiter heute rückblickend. „Wir  haben  es  auch  gebraucht.  Wir  wären  doch  sonst  nicht  mehr  da rausgekommen.“

Wagemann  hat  freilich  nicht  nur  den  richtigen  Ton  getroffen und die notwendigen    Entscheidungen.   Er   hat   instinktiv   auch   das   beste

Marketingkonzept entwickelt. „Außer den Schweizern sind wir die einzigen in Europa,   die   noch   eigene   mechanische   Werke  bauen“,  erkannte  der Branchenneuling  sofort.  Und  dann  hat  er  das  so  oft  wiederholt,  so eindringlich,  daß  die  Fachwelt über die gestiegenen Preise und das teils hausbackene   Design  der  Glashütter  Uhren  in  einem  seltenen  Akt  von Aufbauhilfe hinweggesehen hat.

Beseelt   von   der  Vision,  „die  Keimzelle  der  deutschen  mechanischen Uhrenindustrie  zu  erhalten“,  hat  Wagemann  Fachhändler und Journalisten regelrecht  schwindelig  geredet  — so, wie er zuvor seine Mitarbeiter auf mehr Kundennähe und Qualitätsbewußtsein eingeschworen hat. Nur ein Maulheld also?  Oder  doch eher ein Magier? Ein Hayek vom Müglitztal, ein Neukirchen für den wilden Osten?

Weil  sie  ihm  schmeichelt,  beantwortet er die Frage gar nicht. Er sei ja eigentlich  gelernter  Steuerberater,  sagt  Wagemann, mit eigener Kanzlei, außerdem Rechtsbeistand und vereidigter Wirtschaftsprüfer — „det schreiben Se  mal,  darauf lege ick Wert“. Das Wissen für die Sanierungsarbeit hat er sich, streng genommen, nur angelesen. Darin liegt wohl auch sein Geheimnis. Denn  Wissen,  „ey, jetzt ma ehrlich: Det brauchste doch nich für so’n Job.Det muß doch alles voll aus’m Bauch kommen.“