die große Liebe im säschsischen glashütte 

die große Liebe im säschsischen glashütte

Spiegel | 22/1994

DIE GROSSE LIEBE

Die Uhrenhersteller im sächsischen Glashütte kämpfen um ihren guten Ruf – sie wollen wieder Präzisionsgeräte liefern. 

Zwischen winzigen Schraubendrehern, Feilen und unzähligem Kleinzeug zieht Karl Friebel, 74, eine ramponierte Schachtel hervor. Er öffnet sie und strahlt wie ein junger Entdecker: „Meine Meisteruhr.“

Dann rückt er seine Lupe zurecht und deutet auf das Räderwerk, das er vor vielen Jahrzehnten hergestellt und zusammengefügt hat. „Jede Kantenbrechung handpoliert“, sagt Friebel, „so was macht heute keiner mehr.“ Jedenfalls nicht in Glashütte. Der Sozialismus brauchte simple Massenware und keine Luxus-Chronometer, der Quarzmotor verdrängte Unruh und Feder. Die einst legendäre Uhrmacherkunst im Sächsischen – weltweit bekannt für Präzision und Schönheit – war nicht mehr gefragt.

Trotzdem lockte der immer noch klangvolle Name ein paar Unerschrockene, Enthusiasten wie Investoren, nach Glashütte. Sie versuchten, auf unterschiedlichen Wegen, die handwerkliche Tradition der Uhrenstadt zu retten. So hat die Treuhandanstalt den Buchprüfer Eberhard Wagemann, 41, als Notgeschäftsführer ins Müglitztal geschickt. Er soll die Glashütter Uhrenbetrieb GmbH (GUB) wieder zu einem wettbewerbsfähigen Unternehmen ausbauen.

„Ich kriege immer die ganz toten Fische“, sagt Wagemann. Aus dem florierenden Kombinat mit über 2000 Mitarbeitern und einer jährlichen Produktion von mehr als einer Million Uhren, fast alle mit Quarzmotor, war kaum drei Jahre nach der Wende ein Sanierungsfall geworden. Obwohl neun von zehn Mitarbeitern entlassen wurden, machte das Unternehmen weiter Millionenverluste. Die Stimmung im Betrieb, so Wagemann, „tendiert gegen Null“.

Der ersehnte Investor, die France Ebauches, war kaum gewonnen, da setzte er sich im Juni 1993 schon wieder ab. Die Franzosen hatten weder eine brauchbare Strategie noch Geld für moderne Technik. Die GUB war am ende, ein neuer Käufer nicht in Sicht. Wagemann straffte das Programm und drängte auf Qualitätsverbesserungen. Heute arbeiten gerade noch 73 Menschen in dem riesen Kombinatsgebäude. Hierarchien wurden radikal eingeebnet. „Jetzt macht jeder mit der Wertschöpfung“, sagt Wagemann. Dem neuen „Spirit“ (Wagemann) von Glashütte fielen zuletzt die Handelsvertreter zum Opfer. „Wir brauchen keine Superverkäufer im Boss-Anzug“, sagt der Boss, der zum Zeichen seiner Verbundenheit gleich zwei GUB-Uhren trägt, „sondern ehrliche Menschen, die Geschichten erzählen können.“

Im geleasten Firmen-Golf fahren nun GUB-Uhrmacher zum Händler, mit Musterkoffer und Prospekten. „Die verkaufen besser als jeder Profi“, sagt der Chef. Plötzlich standen die Investoren bei der Treuhand Schlange. Rund drei Dutzend Interessenten gibt es, mit fünft von ihnen wird nach Angaben der Berliner Anstalt ernsthaft verhandelt. Tatsächlich aber ist die Entscheidung schon gefallen: Eine deutsche Gruppe wird die GUB übernehmen – sie soll ein Gegengewicht zur Schweizer Uhrenindustrie bilden. Außer den Schweizern baut in Europa sonst niemand mehr mechanische Uhrwerke.

Die Eidgenossen zeigten jedoch von Anfang an wenig Neigung, bei der sächsischen Konkurrenz einzusteigen. Swatch-Vermarkter Nicholas Hayek zog seine ursprüngliche Bewerbung wieder zurück. Dem Chef der SMH-Gruppe (Tisot, Longines und Omega) schien die Sanierung zu schwierig.

Auch Günter Blümlein, Geschäftsführer der VDO-Tochter IWC in Schaffenhausen, machte lieber seine eigene Firma in Glashütte auf, die Lange Uhren GmbH. Lediglich die Namensrechte der berühmtesten Glashütter Uhrenmanufaktur – A. Lange & Söhne – kaufte er der GUB ab.

Gemeinsam mit dem Urenkel des Firmengründers und 46 ehemaligen GUB-Mitarbeitern will Blümlein in Glashütte „feinmechanische Kunstwerke“ bauen. Im Herbst sollen die Wunderwerke der Öffentlichkeit vorgestellt werden, sechs Modelle, ausnahmslos im Edelmetallgehäuse. Der teuerste Lange-Chronometer wird um die 100 000 Mark kosten. Ein Einsteigermodell für rund 15 000 Mark wurde neu ins Programm aufgenommen.

Mechanische Uhren verkaufen sich immer noch glänzend, aber gerade bei den ganz teuren ist der Wettbewerb hart. „Wir müssen den Namen Glashütte hochhalten“, sagt Betriebsleiter Hartmut Knothe, der früher als Ingenieur bei der GUB war, „statt ihn mit Ramsch runterzuziehen.“ Obwohl Knothe dabei die GUB im Blick hat, gründete Lange Uhren gemeinsam mit dem Konkurrenten den Verein der Glashütter Uhrenindustrie. Dieser soll, laut Satzung, die Herkunftsbeziehung Glashütte in Ehren halten. Nur wer im Müglitztal Uhrwerke baut, darf dem Verein beitreten und den Namen nutzen.

Der kleine Hersteller am Ort, die Nomos GmbH mit drei Angestellten und einer Kapazität von 40 Uhren pro Woche, hatte die beiden Großen offenbar verschreckt. „Wir sind die Piratenmarke“, gesteht Geschäftsführer und Gesellschafter Roland Schwertner, 40, ohne Zögern ein. Jede Nomos trägt – zum Ärger der Konkurrenten – auf dem Zifferblatt den stolzen Zusatz „Glashütte/SA“ (SA für Sachsen), obwohl Rohwerk und andere Teile aus der Schweiz geliefert werden. In der Mini-Fabrik wird nur montiert und veredelt.

Schwertner musste sich deshalb zunächst gegen ein Verkaufsverbot wehren. Erst als er glaubhaft machen konnte, dass „mehr als die Hälfte der Wertschöpfung in Glashütte passiert“, durfte er nach acht Monaten weitermachen. Das zeitweilige Verkaufsverbot brachte Nomos an den Rand der Pleite. Aber „die große Liebe Glashütte“ wollte Schwertner nicht aufgeben. Unter Experten waren die schlichten Chronometer mit Handaufzug ohnehin hochgeschätzt. Die Uhren, die sich an den strengen Formen des Werkbundes orientieren, liegen im Trend: etwas Understatement, gutes Handwerk. Sachsens Landesvater Kurt Biedenkopf kaufte sich das Modell „Ludwig“ sogar gleich zweimal. „Die Uhren der sechziger waren Rolex, die der siebziger LED, die der achtziger Swatch“, sagt Schwertner, „die der neunziger werden Nomos sein.“ In drei Jahren will er mit 35 Leuten zehn Millionen Mark umsetzen und sich dann zur Ruhe setzen.

Eberhard Wagemann, der Nomos gern der GUB einverleibt hätte, wird sich dann längst an einem anderen Betrieb („Je maroder, desto spannender“) versuchen. Spätestens Ende des Jahres will er sein mit altem DDR-Mobiliar vollgestopftes Büro räumen.

„Ich habe meinen Job gemacht“, sagt der Sanierer, „jetzt bin ich gespannt, wie die anderen das Ding heben.“