Blümlein setzen

Blümlein setzen:

Der Spiegel 30/95 | Kultur/Medien

BLÜMLEIN SETZEN
Eine Stiftung soll das Filmerbe der DDR vor dem – bereits begonnenen – Ausverkauf bewahren. 

Erregt springt Eberhard Wagemann, 42 von seinem Bürostuhl auf und holt vier dicke Mappen aus dem Aktenregal. „Hier ist alles drin“, sagt er, „das ist schwarzes Gold.“

Was den gelernten Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in Fahrt bringt, sind seitenlange Aufstellungen über Filme aus der früheren DDR. Bis Ende des Jahres soll Wagemann das riesige Depot der Deutschen Film AG (Defa) zu Geld machen – einer der heikelsten Fälle, den die Treuhand-Nachfolger von der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BVS) noch abzuwickeln haben. Denn Wagemanns Millionen werden zum Aufpäppeln der siechen Filmkultur im Osten gebraucht. „ich habe alle losen Enden zusammengeknüpft“, sagt Wagemann stolz von seinem Defa-Filmpaket. Und: „Ich will nochmal ein Blümlein setzen.“ Der Spezialist für schwierige Jobs hat für die Treuhand bereits die alte DDR-Hausgerätindustrie, den Fernsehturm am Alexanderplatz und die Uhrenindustrie in Glashütte gerettet.

Nun preist Wagemann, bislang im harten Mediengeschäft unbedarft, ein Paket von Verwertungsrechten für 750 Spiel- und Kinderfilme, 750 Zeichentrickwerke, mehrere tausend Dokumentationen und über 3000 Synchronfassungen ausländischer Produktionen an. Dazu gehören die Arbeiten renommierter Ostregisseure wie Wolfgang Staudte („Die Mörder sind unter uns“), Frank Beyer („Spur der Steine“), Konrad Wolf („Solo Sunny“) und Heiner Carow („Coming Out“) sowieso aufwendige Märchenverfilmungen („Die Geschichte vom kleinen Muck“), Operetten-Adaptionen und Western, in Ostdeutschland früher nur als „Indianerfilme“ bekannt.

Mit dem Ausverkauf endet, rund sechs Jahre nach der Wende, die Abwicklung der DDR-Filmwirtschaft. Das legendäre Studio Babelsberg ging zum Dumpingpreis an eine Tochter des französischen Mischkonzerns Compagnie Géneralé des Eaux, zwei andere Studios für Dokumentarfilme und Synchronisierung kaufte der Münchner Medienunternehmer Leo Kirch, der Dresdner Trickfilmstudio fiel an den MDR. Solche Schnäppchen wollen die BVS-Manager nicht noch einmal zulassen. Nun geht es, in Abstimmung mit dem Bundesinnenministerium, um die Sicherung des kulturhistorischen einmaligen Filmerbes der DDR in einer gemeinnützigen Defa-Stiftung.

Zunächst griffen sich westliche Großunternehmen die attraktivsten Immobilien der Defa. Das Geld für diese Stiftung, die alle Eigentumsrechte an den Defa-Filmen übernimmt, soll der Verkauf des ehemaligen DDR-Verleihmonopolisten Progress erbringen, der von der Treuhand bereits im April 1993 zur Privatisierung ausgeschrieben wurde.

Der neue Inhaber darf 15 Jahre lang das Defa-Paket exklusiv verwerten, muss aber für dieses Recht jährlich rund 70 Prozent vom Umsatzerlös, mindestens aber eine Summe von mehreren hunderttausend Mark, an die Stiftung abführen. „Von ganz entscheidender Bedeutung“, so die Treuhand-Nachfolgebehörde BVS, sei das unternehmerische Konzept, die Nutzung des Filmstocks müsse ersichtlich werden. Es seien „günstigere Voraussetzungen für einen Einsatz von Defa-Filmen im Ausland“ zu erwarten, erklärte die Bundesregierung auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Thomas Krüger (SPD). Die Medienriesen haben das Filmangebot, das Progress-Geschäftsführer Wagemann unterbreitet, lange studiert. Nun reagieren sie überraschend gleichgültig.

Die Konzernstrategen stört, dass der Rechtebestand bereits zerfleddert worden ist. Sie wollte inzwischen fast liquidierte Defa-Außenhandel 250 Filme an den Zwischenhändler Manfred Durniok verhökern. Nachträglich, auf öffentlichen Druck, wurde der Vertrag auf 25 filme gestutzt.

Auch Progress verscherbelte reihenweise Lizenzen für bekannte Defa-Spielfilme zu Niedrigpreisen, um nicht in die roten Zahlen zu geraten und möglichst viele Mitarbeiter zu halten. Inzwischen sind die Filme zuhauf bei ZDF, MDR und ORB gelaufen. Zum Teil fallen die Rechte erst in einigen Jahren an Progress zurück. Es sei genug zum Abspielen da, meint dagegen Progress-Manager Rudolf Winter. Unverdrossen setzt auch Wagemann auf insgesamt sechs Interessenten für seinen ostalgischen Filmschatz, darunter sind öffentlich-rechtliche Sender. Das Material sei für das geplante Spartenfernsehen von hohem Wert, erklärt er, Kanäle für die Kinder und Dokumentationen könnten gut gefüllt werden. Einzelne Defa-Jugendfilme seien beispielsweise bei Pro Sieben einsetzbar, schwärmt Bernd Grote, Geschäftsführer der Münchner Filmfirma Tellux. Der Ableger der katholischen Kirche macht sich Hoffnungen auf das Osterbe.

Auch die Münchner Filmfirma Cine Aktuell, schon seit Jahren mit Ostfirmen im Geschäft, verhandelt mit Wagemann. Die Defa-Rechte müssten „konzernunabhängig allen interessierten Institutionen verfügbar gemacht werden“, sagt Geschäftsführer Ralf Faust. Es gehe doch nicht „um eine Schraubenfabrik, sondern um ein Kulturgut“.

Die geplante Defa-Stiftung wird sich wohl kaum allein um die ostdeutsche Kintopp-Ware kümmern. Langfristig plant das Bonner Innenministerium eine Verschmelzung mit ihrer westlichen Schwesterorganisation, der Murnau-Stiftung. Die pflegt den Bestand der deutschen Filme aus der Zeit vor 1945. Geplanter neuer Name: Deutsche Film-Stiftung. Dann wären über 60 Jahre deutsche Filmkunst endlich vereint.